Schwelle.

Wie ich so in dieser Küche sitze und an meinem Gin Tonic mit Gurke nippe, da kommen mir Gedanken. Diese Art von Gedanken, die einem kommen, wenn man diesen gewissen Pegel erreicht hat; wie beim Sex, wenn man denkt, jetzt gleich– und dann kommt das Interlude.

Ich sitze also da auf meinem Stuhl und gucke mir die Lara an, die gerade angekommen ist. Die steht ganz lässig im Türrahmen, gerade hat sie in die Runde gegrüßt und sie steht jetzt einfach da, mit Ihrer Tasche über der Schulter. Die wird sie wahrscheinlich auch nicht ablegen. Vielleicht später, wenn sie mit einem der Anwesenden nach Hause gegangen ist, weil auch sie ganz kurz dieses Kribbeln im Becken gespürt hat, als sie gewissenhaft Karls Mundhöle erforscht hat.

Warum steht die da im Türrahmen? Könnte doch reinkommen und sich an die Küchenschränke lehnen, wie das hier alle machen. Ich würd’ ja sogar aufstehen! Aber das macht sie nicht, denn sie ist angekommen und auf dem Sprung, steht an der Schwelle zwischen Einladung und Teilnahme. Sie kleidet sich auch schwellig, denn sie trägt noch die Tasche, hat den Mantel aber abgelegt. So bleibt sie wendig, kann schnell das Weite suchen, zeigt das aber nicht zu offensichtlich. Man ist ja dran gewöhnt, an das mit den Taschen.

Überhaupt hat ihr Leben so eine Schwellen-Architektur, wie ich später beim Vorbeigehen aufschnappe, als ich meine Jacke in den Flur bringe; hatte ich gar nicht mitbekommen, dass ich die noch an hatte. Auf jeden Fall hat sie da was mit Gregor am laufen, aber nur ganz unverbindlich. Könnte sich nicht vorstellen, mit ihm zusammenzukommen; schließlich sehen das beide genau gleich und sowieso hat sie für was ernsteres keine Zeit. Wahrscheinlich fängt sie eh im Herbst mit dem Studium an, oder sie fährt noch ein halbes Jahr nach Neuseeland. Ist sich noch nicht ganz sicher; aber auf jeden Fall wird sie ihr Zimmer nicht weiter einrichten, bis das entschieden ist. Matratze und Couch reicht auch erstmal, der Rest steht ja gut untergebracht bei Ihren Eltern auf dem Dachboden.

Später höre ich von Fred, das diese Lara echt krass unterwegs ist. Er hat sich richtig Mühe gegeben, meint er, hat das Koks extra fein gemahlen und eine perfekte Line gelegt, weil sie die ganze Zeit so gierig guckte, meint er. Schließlich hat sie rumgedruckst, nur die halbe Line durch das linke Nasenloch gezogen und ist dann abgedampft, halb drauf, halb empöhrt. So gehört sich das nicht, die hat keine Etiquette, sagt Fred. Läuft jetzt mit nem Halb-Rausch in der linken Hirnhälfte durch die Gegend. Hoffentlich ist das die kreative, sagt er. Fred ist schon seltsam. War er aber schon immer.

Ganz unscheinbar geht Lara an mir vorbei, berüht kurz meine Hüfte mit ihrer Hand – die hat das mit Absicht gemacht, das weiß ich genau – und geht dann weiter. Fein, denke ich mir, jetzt geh ich ins Unterholz und schau mal, was da so für mich drin ist. Was für eine üble Finte! Nichts ist da drin, den ganzen Abend über nicht. Sie schaut nicht einmal zu mir herüber, als ich auf Freds Kotze ausrutsche und eine Stehlampe umreiße, die mir hilfsbereit die Stange hält.

Wie Karl das später gemacht hat, muss er mir mal erzählen. Vielleicht hat er gesagt, er wolle mal los, keine Ahnung wohin genau. Vielleicht bleibt er aber auch, um noch was zu trinken, je nachdem. Und wenn er jetzt so drüber nachdenkt, geht er sich vielleicht vorher noch was von Freds Zeug klarmachen; aber nur ne halbe Line oder so, weil das immer so ballert.

Meins.

Einen Standpunkt vertreten, Meinung haben und so. Zum kotzen. Genau genommen ist nur eine Meinung unter 10.000 hoch Koks eine, die aus keinem Buch oder Blog oder Aufsatz stammt. Oder Manifest, wenn man die inflationäre Bildung von Meinungsbiotopen mit einbezieht; also ich meine jetzt in Berlin oder Halle und so weiter.

Und wenn da jetzt einer sagt – und das kann er gerne sagen, sogar zurecht – „der meint doch nur, der das da schreibt“, dann ist das ganz richtig. Nur, dass derjenige, der das dann meint, auch meint und somit auch wieder nur eine Kohlflöte ist. Das hier ist also so ähnlich, wie schwulenhassende Parolen schreiend durch die Straßen zu ziehen und dabei stolz einen Ständer zu tragen, an dem Scheiße klebt.

Aber warum über Meinungen postulieren. Ist doch eigentlich ganz O.K., was damit einhergeht. Dazugehören, schlaue Brillen tragen, Klamotten aus Zeiten, die noch politischen Geist transportiert haben – von Beatnik bis Hipster. So liest man das zumindest in den Büchern; und hört es von den Alten, die schon vier, fünf Jahre dabei sind, schon dies und das genommen genommen haben, in verrauchten WGs mit Plattentellern und alten DDR-Möbeln abhängen und auf ein Lattenrost unter der Matraze scheißen.

Werde ein post-materieller Intellektueller und mache ja keine Fehler: lies Foucault, Barthes und Judith Butler, schaue dir Brazil an und capture dir ein Profilbild für Facebook und Skype. Verachte Michael Moore! Scheiß auf deine Attitüde, aber lasse genau diese immer klar hervorscheinen, indem du allen sagst, dass du das scheiße findest – sei paradox; das ist der neue Nackenteppich. So kannst du Stellung beziehen oder auch nicht, je nachdem, ob du dich in der Materie auskennst, die zwischen Joint und Keta gerade rezitiert wird. Kauf dir eine Super8 und sage, die hat dir dein Opa geschenkt. Oder du hast sie im Mauerwerk deiner Wohnung gefunden, als du versucht hast, die Tapete abzuziehen und dir die halbe Wand auf deine Korthose gebröckelt ist. Aus dem entstandenen Loch machst du ein Geheimversteck für dein MDMA und dein mit Breitfeder geschriebenes Tagebuch.

Oder lass es bleiben, aber nur mit entsprechender Gegenkultur. Sei kreativ, kauf dir Bücher über DADA, die Beats, Hippies oder Punks. Lass dich inspirieren, check alles in der GQ auf Kompatibilität mit der Realität ab und geh einkaufen. Schicke mir dann eine Mail, vielleicht machen wir eine Party zur Initiierung dieser Kultur oder produzieren ein Album. Hat der Jaar genau so gemacht, aber den darfst du dann nicht hören – der ist für die Gruppe aus Absatz 4.